Corinna Krenzer: Eine einfache Wahrheit

'Irgendwo unter diesen dreißig Jahren Schutt musste doch etwas von dem Jungen stecken, der für sie fast wie ein Bruder gewesen war.'
Janna erinnert sich nur allzugut an jenen Oskar, der zu Schulzeiten bei jedem Mittagessen neben ihr am heimischen Küchentisch gesessen hatte. Nur nicht in den Ferien, denn da war Oskar bei den Pionieren und Janna nicht. Und bis zu jenem Tag im Frühjahr '89, als Jannas Eltern spätabends mit ihr in einen alten Lada einstiegen und in den Westen flüchteten. Wenige Monate später nahm sich Jannas Vater, ein Schriftsteller, das Leben. Auch Jannas Mutter ist inzwischen gestorben - der Brustkrebs ließ ihr keine Chance.  
Jetzt ist Janna zurück in Kohlberg, diesem mecklenburgischen Dorf, in dem es keine Geheimnisse gibt, nur eben über Vieles nicht gesprochen wird. Über früher sowieso nicht. Alte Sachen, die man loswerden will, wirft man hier beim alljährlichen Hexenbrennen ins Feuer. 
Janna aber geht es um die Dinge von damals, sie will den unter den Schutt von dreißig Jahren blicken, will Antworten auf all jene Fragen, die die Flucht in den Westen und der Suizid ihres Vaters hinterlassen hat. Doch eine einfache Wahrheit ist schwer zu haben. 
 
Corinna Krenzer ist ein großartiges, ebenso vielschichtiges wie spannendes Debüt gelungen. Mit wenigen Sätzen gelingt es ihr, die beklemmende Atmosphäre des Dorfes sowohl heute als auch zu DDR-Zeiten zu transportieren. Diese Verknappung, dieses Nicht-Alles-Auserzählen ist eine der großen Qualitäten von Krenzers Erzählen, das den Leser:innen ein Verstehen, ein Erspüren zutraut.
 
(empfohlen von Uscha Kloke)