Mariam Kühsel-Hassaimi: Tschudi

Folge 3 unserer Reihe von Buchempfehlungen von LeserIn zu Leserin

WER IST TSCHUDI?

Mal ehrlich: Kennen Sie Tschudi? (Nein, das ist kein Vorläufer von Sars oder Covid-19, wie man in Zeiten wie diesen leicht geneigt ist zu vermuten.) Gemeint ist: Hugo von Tschudi, Abkömmling alten Schweizer Adels, ein Homme de lettres, weltmännisch, weit gereist, hochgebildet und passionierter Kunstliebhaber. Eine beeindruckende Persönlichkeit von imposanter Statur. In jeder Gesellschaft zog er die Blicke sofort auf sich – auch weil er unter der Wolfskrankheit litt, einer Autoimmunerkrankung.

Tschudi war so etwas wie der Warhol an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Denn in seiner Zeit als Direktor der Nationalgalerie Berlin (1896–1909) holte er Werke der französischen Impressionisten um Manet, Monet, Degas und Cézanne dorthin, und damit auch nach Deutschland. Bei ihnen bewunderte er vor allem die Luft, die sie atmeten. Eine wahrlich herkulische Aufgabe, mit Auswirkungen bis heute. Sich gegen die Kamarilla um Kaiser Wilhelm II. sowie gegen die sich vaterländisch gebärdenden Künstlerkreise um Anton von Werner zu behaupten, erforderte Rückgrat und diplomatisches Geschick. Beides besaß Hugo von Tschudi in hohem Maß. Vor allem in Frankreich genoss er bei Künstlern wie Kunsthändlern hohes Ansehen. Aber auch Max Liebermann unterstützte Tschudi in seinem Tun und bei seinen Ankäufen heftig angefeindeter Kunstwerke. Am Ende verlor Tschudi die schützende Hand seines Dienstherrn, Wilhelms II. Im Jahr seiner Entlassung in Berlin wechselte er als Direktor der staatlichen Galerien nach München.

Diesem außergewöhnlichen, unkonventionellen, wegweisenden Kunstsammler und Museumsmenschen widmet Miriam Kühsel-Hussaini unter dem Titel »Tschudi« ihren neuesten Roman. In einer vorwärtsdrängenden, dynamischen, eigenwilligen Sprache fängt die Autorin sowohl die Person ihres Protagonisten kongenial ein wie sie diese vibrierende Zeit des Aufbruchs und Neubeginns lebendig schildert. Dieser besondere Duktus samt eigenwilliger Wortschöpfungen ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Im weiteren Verlauf entwickelt der Text aber geradezu eine Sogwirkung, die mich als Leser gefangen genommen hat und nicht mehr losließ. Grandios die Beschreibung von gesellschaftlichen Ereignissen, von Gesprächen, Treffen, Besuchen bei Künstlern. Und entlarvend sind in meinen Augen die direkten Begegnungen zwischen Wilhelm II. und seinem Museumsdirektor. Dieser ist dem Monarchen in allen Belangen haushoch überlegen, und Letzterer spürt das auch – und verfällt in ein Meer aus Selbstzweifeln. Geschickt kontrastiert die Autorin das martialische öffentliche Auftreten des deutschen Kaisers mit der bei ihm schwach entwickelten inneren Befindlichkeit. Am Ende gewinnt der preußische Realist Anton von Werner, der dem Kaiser mit seinem Geschwafel von deutscher Kunst unentwegt in den Ohren liegt, und stößt seinen Rivalen Tschudi vom Thron.

Ein wirklich unglaubliches Stück moderner Prosa, auch wennʼs darin um die Vergangenheit geht. Uscha Kloke ist davon ebenfalls begeistert, wie sie mir in einem Gespräch anvertraute. Lassen Sie sich dieses Meisterwerk also nicht entgehen, denn Sie werden keinen Moment der Lektüre bereuen!

Anker Eine kleine Begebenheit noch zum Schluss: Hugo von Tschudi starb am 23. November 1911 in einem Sanatorium in Stuttgart Bad Cannstatt.

Miriam Kühsel-Hussaini: Tschudi. Roman, Rowohlt, EUR 24,00

Eine Empfehlung von Elmar Klupsch (Literaturagent)

Kühsel-Hussaini, Mariam
Rowohlt Verlag
ISBN/EAN: 9783498001377
24,00 € (inkl. MwSt.)