Eric Vuillard: Krieg der Armen

Folge 1 unserer Reihe von Buchempfehlungen von LeserIn zu Leserin

ERIC VUILLARD: KRIEG DER ARMEN   
 
Im März 2020 ist das Buch KRIEG DER ARMEN von ERIC VUILLARD  auf Deutsch erschienen. Wie alle Bücher von Vuillard, die der Verlag Matthes und Seitz bislang verlegt hat, stammt die kongeniale Übersetzung von Nicola Denis, und der Umfang ist mit 64 Seiten eher schmal. Eric Vuillards Bücher kann man an einem Tag lesen, aber man nimmt sie immer wieder zur Hand.  
 
Seit ich 2018 den Autor und seine besondere Schreibweise mit dem Buch DIE TAGESORDNUNG für mich entdeckt habe, lese ich mich vor- und rückwärts durch sein Werk. Vuillard sucht einzelne historische Momentaufnahmen, in denen sich für ihn Wahrheit kristallisiert. In der TAGESORDNUNG, für das der Autor den Prix Goncourt erhalten hat, geht sein Blick darauf, wie Hitler durch das Geheimtreffen mit der deutschen Industrie im Februar 1933 und dem "Berchtesgadener Abkommen" von 1938, mit dem er Österreich annektierte, sich seinen Weg an die Macht ebnete. Obwohl alle Fakten stimmen und Vuillard sicher unzählige Stunden zwischen Akten und Büchern verbracht hat, beschreibt er die Ankunft der 24 Groß-Industriellen im Berliner Reichstagspalais nicht wie ein Historiker, sondern wie ein Regisseur (der er ja auch ist) und wie ein Literat, der Szenen und Zeitläufe montiert und sich der Subjektivität seiner Empfindung in jeder Zeile bewusst ist.  Das muss man mögen. Ich liebe es. Besonders begeistert mich die besondere Schreibweise, wenn Vuillard hoch poetische Sätze auf Jargon prallen lässt, wenn z.B. einer der „ehrwürdigen Patrizier“ sich „andächtig in seinen Rotzlappen schnäuzt“. „Wie spitze Pfeile“, schreibt die Übersetzerin Denis in einem großartigen Text, der man auf der Homepage des Verlags finden kann, „werden die einzelnen Sätze abgeschossen und zielen dem Leser ins Mark.“   
Und immer ist Vuillard auf der Seite der Schwachen. Ihnen gehört seine Empathie. Auch das muss man mögen. Er ist ohne Frage parteiisch.  
So auch in seinem neuen Buch über Thomas Müntzer und den vergeblichen Kampf der Bauern gegen die Privilegien des Adels. Thomas Müntzer hält seine Predigten in deutscher Sprache (das ist neu und skandalös!). Er ist zornig, er redet und schreibt sich um Kopf und Kragen. „Er will die Haut der Mächtigen, er will die Kirche rupfen, er will all diesen Dreckskerlen den Bauch aufschlitzen; aber womöglich weiß er es noch nicht; und vorerst erstickt er. Er will ein Ende machen mit dem Prunk und all dem elenden Luxus! Das Laster und der Reichtum setzen ihm zu, die Kombination aus beidem setzt ihm zu. Sie sollen Angst bekommen“ (Vuillard, Krieg der Armen, Seite 28). Es ist, wie man weiß, nicht gut gegangen. Müntzer stirbt wie sein Vater auf dem Schafott. Der Bauernaufstand wurde niedergeschlagen, die Anführer und viele Anhänger hingerichtet. Aber Vuillard beendet seinen Kurz-Roman mit den Worten: „Das Martyrium ist eine Falle für alle Unterdrückten, wünschenswert ist nur der Sieg. Ich werde von ihm erzählen.“ Ich nehme dies als ein Versprechen auf das neue Buch.

Eine Empfehlung von Claudia Brenneisen, Stuttgart (Coach für berufliche Weiterbildung)

Vuillard, Éric
MSB Matthes & Seitz Berlin
ISBN/EAN: 9783957578372
16,00 € (inkl. MwSt.)