Ronya Othmann: Die Sommer

„Eine Geschichte, dachte sie, erzählt man immer vom Ende her. Auch wenn man mit dem Anfang beginnt.“

Heimat - bei diesem Wort schlagen 2 Herzen in Leylas Brust. Sie denkt an Deutschland, das Land der „Schwarzwaldfamilie“ ihrer Mutter und der Ort an dem sie selbst aufgewachsen ist. Aber sie verbindet damit auch das kleine kurdisch-jesidische Dorf in Nordsyrien aus dem ihr Vater stammt und ein wichtiger Teil ihrer Familie lebt.
Viele Sommer verbringt Leyla dort im Schatten der Bäume. Sie beobachtet ihre Großmutter bei der Gartenarbeit, leistet ihrem blinden Großvater beim Teetrinken Gesellschaft, versteckt für Tante Evîn Zigaretten und spielt mit ihren Cousins in den Feldern.
Dann kommt das Jahr 2011 und mit ihm der Arabische Frühling. Jahre vergehen und Leylas Zeiten in Syrien verblassen zu alten Erinnerungen.
Während sie in München für ihr Abitur lernt und auf Partys geht, kämpft ihre kurdisch-jesidische Familie im blutigen Bürgerkrieg ums Überleben. Ihr Vater, der Leyla einst Sonnenblumenkerne-knackend Geschichten über seine Kindheit und abenteuerliche Flucht nach Deutschland erzählte, sitzt mittlerweile nur stumm auf dem Sofa und betrachtet die brutalen Ereignisse vor dem Fernseher.

 Egal in welchem Alter Leyla ist, wo sie hingeht und was sie macht – das Dorf und seine Bewohner begleiten sie gedanklich überall hin.

Ronya Othmann, Journalistin und Publikumspreisträgerin des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (2019) berichtet in ihrem Debütroman eindrucksvoll vom Dasein zwischen zwei Welten. Fast schon liebevoll beschreibt sie das Gefühl, eine Heimat zu lieben, die fast nur noch aus losen Erinnerungsstücken besteht.

Eine Empfehlung von Natalie Schukraft.
 

Othmann, Ronya
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
ISBN/EAN: 9783446267602
22,00 € (inkl. MwSt.)