Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller

Folge 2 unserer Reihe von Buchempfehlungen von LeserIn zu Leserin

Eigentlich darf man das nicht laut sagen/schreiben:

Manchmal kaufe ich Bücher - wie auch Wein - weil mir der Einband oder der Titel bzw. das Etikett oder die Flaschenform gefällt. Ich bin sozusagen „verführbar“ und wundere mich gleichzeitig, wieviele unpassende und unschöne Buchcover es gibt. Schwer fällt es mir, ein häßliches Buch ins Regal oder gar eine häßliche Flasche Wein auf den Tisch zu stellen, sei der Inhalt auch noch so gut. Nicht so im Falle des Covers von Mareike Fallwickls „Das Licht ist hier viel heller“, es schimmert zart golden, der Schriftzug des Titels liegt als grafisch zweite Schicht optisch dahinter, dort funkelt es und zieht einen tief in den Abgrund der Versuchung.

Mareike Fallwickl beschreibt die Abgründe menschlicher Beziehungen und die Verwicklungen, in die man bodenlos fallen kann. Drei Perspektiven verknoten sich kunstvoll, die des Maximilian Wenger, Mittfünfziger und einst erfolgreicher Schriftsteller, seine weit jüngere Frau hat ihn durch einen knackigen, nochmals zehn Jahre jüngeren Fitnesstrainer ersetzt. Nun suhlt sich der gebrochene Autor in einer 2-Zimmerwohnung im eigenen Dreck und Mitleid. Derweil versuchen seine beiden heranwachsenden Kinder Zoey und Spin rudernd oberhalb des Wasserspiegels ihrer eigenen Welt zu bleiben. Wenger ist blind und taub für die Hilferufe seiner Kinder. Die dritte, am feinsinnigsten formulierte Perspektive ist die der Verfasserin der Briefe, die an den „Vorbewohner“ von Wengerts Wohnung adressiert waren. Der Schriftsteller, der die Oberflächlichkeiten des Literaturbetriebs wie kein anderer kennt, hat schon viele und vieles verletzt, nicht zuletzt auch sich selbst, hat Grenzen überschritten … da kennt man auch kein Briefgeheimnis.

Es kommt eben immer auf die Perspektive an - Mareike Fallwickl verpackt uns die #metoo-Debatte vieldimensional und fast alltäglich, die Gefühlswelten sind so glaubhaft beschrieben, dass man selbst für den armseligen Wenger verständige Gefühle entwickeln kann. Man muß nicht für Alles und Jedermann Verständnis aufbringen, aber für die Figuren in Mareike Fallwickels Roman gelingt dies. Und gerade jetzt in Corona-Zeiten ein Geschenk: Wir dürfen zwischen goldenen Buchdeckeln in vielleicht sehr fremde und sehr tiefe Welten reisen.

Eine Empfehlung von Daniela Keck, Botnang  (Freie Architektin, Dozentin und Architekturjournalistin)

Fallwickl, Mareike
FVA-Frankfurter Verlagsanstalt GmbH
ISBN/EAN: 9783627002640
24,00 € (inkl. MwSt.)