Laurent Binet: Eroberung

Binets Eroberung ist eigentlich ein ganz traditionell erzählter historischer Roman, wäre da nicht die klitzekleine Kleinigkeit, dass er alles, was passiert, frei erfunden hat.
Binet spinnt eine aberwitzige Parallelgeschichte, die von zwei grundlegenden Unterschieden ausgeht, was nämlich passiert wäre, wenn die Wikinger bis nach Amerika gesegelt wären nur um dort durch die Übertragung fremder Viren die Bevölkerung auszulöschen und zur Flucht zu zwingen und der Tatsache, dass Kolumbus zwar nach Amerika segelte, aber niemals zurück nach Europa kam.
Das alles führt dazu, dass im 16. Jahrhundert die Inkas in Portugal anlanden und Europa erobern. Ihre Anführerin Higuenamota bringt mit Hilfe von Atahualpa, dem Sohn der Sonne, die europäische Landschaft und ihre Herrscher gehörig durcheinander. Sie besiegen Karl den V. in Frankreich, setzen sich gegen die spanische Inquisition durch, bringen mit Hilfe der Fugger ihr Gold unter die Menschen und in Wittenberg werden die „95 Thesen der Sonne“ an die Kirchentür geschlagen. Statt Spitzenkragen wird Federschmuck zur Mode der Eliten und auf den Feldern wächst Quinoa schon einige Jahrhunderte vor unserer Zeit. Nebenbei treffen noch große Denker wie der Maler El Greco, der Autor Cervantes und der Philosoph Montaigne aufeinander. Binet gelingt eine augenzwinkernde alternative Weltgeschichte, die großartig unterhält und intelligent vor Augen führt, wie anders eine weniger eurozentrische Gegenwart aussehen könnte.
Unter anderem mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet ist Binet einer der erfolgreichsten französischen Schriftsteller und es ist nicht verwunderlich, dass Eroberung bereits in Frankreich als Serie verfilmt wird.

Eine Empfehlung von Anna-Eva Greiner

Binet, Laurent
Rowohlt Verlag
ISBN/EAN: 9783498001865
24,00 € (inkl. MwSt.)